Redebeitrag 16.06.2020 Auftakt Lübcke-Prozess in Frankfurt
Auf der Suche nach einer Bewegung: Vom Tatort zum Internet-Papiertiger
Seit einigen Wochen tauchen in vielen Stadtteilen Frankfurts Aufkleber der sogenannten Jungen Bewegung (JB) auf. In einer Frankfurter U-Bahn prahlte eine Personengruppe, dass am Folgetag irgendwas in der Stadt passieren solle. Mehr als ein paar verklebte Sticker und Fotos im Netz steckte nicht hinter der vermeintlich krassen Aktion. Es ist symptomatisch, dass solche Aktivitäten als große Aktion mit dementsprechender Veröffentlichung bezeichnet werden. Content für soziale Netzwerke – und natürlich zur Selbstbespaßung einer fiktiven Bewegung und deren AnhängerInnen. Auch das Aufhängen eines Banners in Braunschweig oder das kurze und nur wenige Minuten andauernde ausrollen eines Transparents in Frankfurt bei einer sog. „Hygienedemo“ mit dem selben Label, ändert nichts an der sehr simplen aber aufsehenerregenden Form der politischen Aktivität. Dahinter steckt vielmehr das Kalkül mit wenig Aufwand und Personen möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, damit Medien berichten und die „Aktion“ bildlich reproduzieren. Aufmerksamen Leser*innen wird dieses Prinzip bekannt vorkommen: Es gleicht dem Stil, mit dem sich die Identitäre Bewegung (IB) vor wenigen Jahren in Deutschland prominent in Nachrichten und Medien platzierte.
Junge, Identitäre „Bewegung“
Im April strahlte die ARD den Tatort „National feminin“ aus, der sich mit der IB auseinandersetzt. Er behandelte einen Mord an einer rechten Videobloggerin, welche im Film in der sogenannten Jungen Bewegung organisiert ist – also das Synonym zu IB. Bereits am Tag vor der Ausstrahlung verabredeten diverse Personen der IB und Personen aus deren Umfeld auf dem Nachrichtenportal Discord, Accounts mit dem fiktiven Label zu erstellen. Unter diesem hetzen sie mit den rund 50 neu gegründeten Accounts gegen die Schauspielerin Florence Kasumba und versuchten mehr schlecht als recht einen rechten Shitstorm gegen sie zu befeuern. Auf den weiterhin bestehenden Accounts nutzen sie das von den Tatort-Macher*innen entworfenen Logo und Label, welches dem der IB entlehnt ist. Als content dienen die selben rassistischen Parolen und sharepics, wie auf den Kanälen der IB. Gleichzeitig ging ein Internetshop der JB Hessen online, der Merch wie Tassen, T-Shirts und natürlich Sticker anbietet.
Das „Kapern“ des JB-Labels wirkt bisweilen wie eine Hoffnung die letzten Überbleibsel und die Aufmerksamkeit die einst der IB zugute kam, zu retten. Der Hype um die Identitären scheint mittlerweile abgeebbt zu sein und ihr Projekt ist quasi am Ende, was nicht zuletzt durch deren Auszug aus dem Hausprojekt in Halle symbolisiert wird. Nachdem es aus verschiedenen Lagern zu Recht häufig Kritik am Umgang der Medien mit solchen Aktionen gab, scheinen diese mittlerweile einen angebrachteren Weg gefunden zu haben mit den vermeintlich skandalösen Aktionen umzugehen. Durch die Berichterstattung über die Aktionen spielten die Medien der extrem Rechten in die Hände und die inszenierten Aktionen erfahren eine unnötig große Öffentlichkeit. Dahinter steht die Medien-Strategie der IB, in Diskurse zu intervenieren und sie zu dominieren. Deren Ziel ist es, den Ausgang der Diskurse mitzubestimmen und die Ideologie der extreme Rechten in einen sagbaren Rahmen zu verschieben.
Reproduktion, Dekonstruktion?
Drei Stapel Sticker verkleben und ein Transparent bei einer Demonstration ausrollen sind wahrlich kein Indiz für eine Struktur, gar für eine Bewegung. Die Idee auf den Tatort-Zug aufzuspringen ist dabei weder sonderlich kreativ noch innovativ. Demnach zeigt sich die ganze Banalität der „Cut and Paste“-Generation bei dem selbst erklärten Leiter der JB Hessen. Felix Straubinger wurde bereits in der September-Ausgabe (2019) der Autonome Rhein-Main Info – Swing vorgestellt. Bereits damals wurde ihm zugeschrieben Aufkleber produziert und verbreitet zu haben, die inhaltlich der IB nah stehen. Straubinger tritt nun in den sozialen Medien als Leiter der Jungen Bewegung Hessen auf und scheint in dieser Rolle auch einige der Accounts zu pflegen. Er studiert an der TU in Darmstadt Geschichte im Bachelor und ist aktiver Fan der Eintracht Frankfurt. Außerdem tritt er auf dem rechten Portal enuffpost als Autor auf und ist bereits letztes Jahr gemeinsam mit Bewohnern der extrem rechten Burschenschaft Germania in Marburg zum Sommerfest der IB in Halle gereist.
Nun tauchte er mit drei weiteren Personen, die laut deren Postings dem Umfeld der Jungen Bewegung Hessen zu zu ordnen sind, am 30.05.2020 mit einem Transparent auf einer der aktuell wöchentlich statt findenden „Hygienedemos“ in der Frankfurter Innenstadt auf. Ähnlich wie bei der IB wird der Auftritt der vergleichbar kleinen Gruppe ganz groß im Internet geteilt, obwohl sie mit dem Banner weniger als drei Minuten auf der Kundgebung zugegen waren. Die Strategie dahinter ist bekannt, das Label austauschbar. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie dieses mal von Beginn an im luftleeren Raum verpuffen, was auch vom Umgang der Medien und der Linken mit der Gruppe abhängig sein wird.
Weiter: https://stadtlandvolk.noblogs.org/
Reader zum Rhein-Maingebiet: https://stadtlandvolk.noblogs.org/post/2019/02/04/broschure-zum-rhein-main-gebiet-komplett/
drai.noblogs.org
»Für einen emanzipatorischen Feminismus und die befreite Gesellschaft!« – Redebeitrag Frauen-Kampftag 2020 in Frankfurt

SABOTAGE & WIDERSTAND GEGEN DEN 1. MAI 2020 IN ERFURT «DIE HEIMAT ZUR HÖLLE»

Heimat vs. kapitalistischer Entfremdung
Heimat verbindet auch Linke
Die Heimat zur Hölle!
Reclaim the night – Vorabenddemo am 7. März in Frankfurt

Kommt Zahlreich, macht mit und lasst uns am 7. März gemeinsam auf die Straße gehen und genau die Orte Frankfurt besuchen, an denen wir uns als Frauen* nachts vielleicht unsicher fühlen, um sie uns zurück zu erobern. Denn ob bei Tag oder bei Nacht: Gemeinsam sind wir stark und laut und zeigen es dem Patriarchat!
Reclaim the Night – Demonstration am 07. 03.2020, Treffpunkt 19 Uhr am Zoo in Frankfurt (FLINT* only).

DEMONSTRATION – GEGEN RECHTEN TERROR IN #HANAU
Wieder einmal ist es einem Rechtsterroristen gelungen, Menschen zu ermorden. Insgesamt 10 Menschen sind getötet worden – hingerichtet aus rassistischen Motiven.
Und nicht von Ungefähr hat sich der Täter seine Ziele ausgesucht: Bars, in denen er migrantisierte Menschen vermutete und fand.
Unser aufrichtiges Beileid und tiefes Mitgefühl gilt den Angehörigen und Freund*innen der Opfer. Allen Verletzten und Betroffenen wünschen wir eine schnelle und vollständige Genesung.
Im Laufe des Morgens ist ein „Manifest“ aufgetaucht, das nun von allen möglichen Seiten als wirres Schreiben bezeichnet wird. Diese Einschätzung ist falsch! Tatsächlich entfaltet der Täter darin ein geschlossen faschistisches Weltbild, hauptsächlich gespeist aus Rassismus, Antisemitismus und Misogynie. Es ist noch nicht abschließend geklärt, was alles zu dieser menschenverachtenden Weltanschauung beigetragen hat. Doch aus Presseberichten geht hervor, dass er sich – wie die Täter von Halle und Christchurch – unter anderem in extrem rechten Online-Foren bewegte. Es liegt sehr nahe, dass er hier Bestätigung seines rechten Weltbildes und Bestärkung für seine Anschlagspläne erfahren hat.
Nur weil er mutmaßlich alleine handelte, ist er noch lange kein Einzeltäter!
In der Berichterstattung wurde und wird nun aber viel zu oft das Bild des „verrückten Einzeltäters“ bemüht. Er hat sich seine Opfer nicht zufällig ausgesucht! Er war nicht „einfach verrückt“, er war zutiefst rassistisch, antisemitisch und frauenverachtend.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der dieses Weltbild immer offener und ohne Widerspruch geäußert werden kann. In der die Grenzen des Sagbaren zunehmend nach rechts verschoben werden. In der FaschistInnen wie Björn Höcke, Götz Kubitschek, Alice Weidel und viele mehr jeden Tag daran arbeiten, diese Grenzen weiter und weiter zu verschieben.
Dieser Verschiebung müssen wir entgegentreten! Den Betroffenen von rechter Gewalt gilt unsere Solidarität! Nehmt die Sorgen der Betroffenen ernst. Bietet eure Hilfe an! Sei es in der U-Bahn, auf dem Arbeitsplatz oder im Sportverein.
Meldet rechte Vorfälle! Engagiert und organisiert euch!
Kommt am Samstag den 22.02.2020 um 14:00 Uhr zur bundesweiten Demonstration in Hanau.
Bündnis gegen rechten Terror Hessen
Vortrag am 27. April 2020 mit Orhan Sat »Wie heulen (Graue) Wölfe?«

Wer sind die Grauen Wölfe, die den extremsten Teil der türkisch-nationalistischen Bewegung bilden? Wir haben Orhan Sat für einen Vortrag gewinnen können. Orhan ist Politologe. Er recherchiert, schreibt und referiert zu deutschem und türkischem Nationalismus.
Er wird die Ideologie der Grauen Wölfe vorstellen, ihre Strukturen in Deutschland, Europa und der Türkei beleuchten und ihre Rolle auf der Straße mit der offiziellen türkischen Regierungspolitik ins Verhältnis setzen.
Der Vortrag findet am27. April 2020 um 18 Uhr im Cafee KoZ auf dem Campus Bockenheim in Frankfurt statt.
Aufruf: den »Tag der Deutschen Zukunft« in Worms 2020 verhindern!

Redebeitrag vom Tag gegen Gewalt an Frauen

Wir sind heute – am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen hier, weil am 10. Oktober 2019 im Frankfurter Bornheim in der Heidestraße ein Femizid an einer 24-Jährigen Frau durch ihren Ex-Partner begangen wurde. Auf sie wurde mit einem kurz zuvor gekauften Messer mehrfach eingestochen. Sie erlag ihren schweren Verletzungen.
Femizide sind kein Einzelfall.
Seit Wochen galt in Frankfurt eine Frau als vermisst. Laut einem Update der Frankfurter Polizei vom gestrigen Nachmittag ist sie offenbar tot. Unter Verdacht steht ihr 36-Jähriger Ehemann. Er habe widersprüchliche Angaben gemacht und sitzt nun seit einigen Tagen in Untersuchungshaft. Ermittlungen zufolge stand eine Trennung des Paares im Raum.
Dass die Ursache von Femiziden das Geschlecht ist, wird häufig außer Acht gelassen. Ein Blick auf die Schlagzeilen von den allermeisten Zeitungen steht hierfür beispielhaft. Medial inszeniert werden diese Verbrechen viel zu häufig als sogenannte Familiendramen. Dass Frauen selbst dann nicht ernst genommen werden, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts ermordet werden, ist auf die patriarchale Ordnung unserer Gesellschaft und der Stellung der Frau im Produktionsprozess zurückzuführen.
Weltweit werden Frauen aufgrund ihres Geschlechts physisch und psychisch unterdrückt. Sie werden zur Unmündigkeit erzogen und in ihrem Intellekt eingeschränkt. Ihnen werden oft Fähigkeiten aberkannt, welche Männern bzw. Jungen a priori zugesprochen werden.
Gewalt gegen Frauen ist Alltagsrealität und das verbreitetste Menschenrechtsverbrechen überhaupt. Sie werden in ihrer körperlichen Unversehrtheit bis hin zu ihrer Existenz eingeschränkt. Insgesamt 150 Millionen Mädchen und Frauen wurden bereits der grausamen Praxis der Genitalverstümmelung, teilweise bereits im Säuglingsalter, unterzogen. In China ist die Existenz weiblicher Personen so wenig wert, dass während der sogenannten Ein-Kind-Politik verstärkt selektiv Töchter abgetrieben wurden.¹ Und es ist 3 mal mehr wahrscheinlich durch den eigenen Ehemann als durch einen Fremden ermordet zu werden.
Neben dem vermeintlich weniger wertvollen Leben einer Frau ist hier ihre Unterdrückung durch ihre Sexualität aufzuführen. Vielerorts sind Frauen immer noch in verschieden starken Ausprägungen des wortwörtlichen Patriarch, alias Mann der über die Familie herrscht und bestimmt, unterlegen. Sie sind starken Reglementierungen und Einschränkungen ausgesetzt und können nicht selbstbestimmt leben. In vielen Ländern müssen Frauen innerhalb der Familie nach islamischem Recht mit Steinigung oder Mord rechnen, wenn sie vergewaltigt wurden. Nur dann könne die vermeintliche Ehre der Familie ins rechte Licht gerückt werden. Auch wenn Frauen sogenannten außerehelichen Sex haben, müssen sie mit erheblichen Strafen rechnen. Oftmals treffen solche Maßregelungen nur Frauen. Homophobie ist ebenfalls ein inhärenter Teil des Patriarchats. Wenn Frauen gleichgeschlechtlich lieben, haben sich je nach Land mit teils Ächtungen, empfindlichen Strafen, bis hin zu lebenslanger Haft oder der Todesstrafe zu rechnen. Nicht wenige Personen sind gezwungen aus ihrem Land zu fliehen, da sie die eben genannten Strafmaßnahmen zu befürchten haben.
Eine Missachtung der physischen und psychischen Grenzen von Frauen stellt sexueller Missbrauch dar. Dieser dient dem Mittel und Zweck der Triebbefriedigung und Machtausübung des Mannes. Eine Objektivierung von Frauen durch Männer findet statt; auch dann, wenn Frauen unfreiwillig ihren Körper und ihre Haare bedecken müssen und ihre Schönheit und ihre Reize vor ihrem Ehepartner und anderen Frauen zum Ausdruck bringen dürfen. Im Iran haben Frauen mit der Todesstrafe zu rechnen, wenn sie sich dem Zwang des Tragens eines Kopftuchs widersetzen.
Auch in Ländern, in denen liberale Feminst*innen so gerne davon sprechen, dass die Gleichberechtigung erreicht sei, zeigen viele Beispiele das Gegenteil. In Deutschland versucht jeden Tag ein Mann seine Frau zu töten, jeden dritten Tag gelingt es den Gewalttätern.² Frauen bekommen dank des gender pay gaps durchschnittlich 21% weniger Lohn – da davon ausgegangen wird, dass eine Frau irgendwann ausfallen und sich um ein Kind kümmern wird. Diese Geschlechternormative zeigen deutlich auf, dass unbezahlte care Arbeit noch immer Frauen aufgedrückt wird.
Im Kapitalismus werden Frauen stets unterdrückt sein. Eine allumfassende feministische Antwort darauf kann also nur die Umwälzung der Produktionsverhältnisse sein. Bis dahin gilt es für einen radikalen und säkularen Feminismus zu kämpfen und diesen auch zu leben. Seid solidarisch unter oder mit Frauen.
Anitfa heißt – Feminismus – heißt Militanz!
Freiheit ist nicht westlich, nicht östlich sondern universell! Ohne die Befreiung der Frau ist die Revolution sinnlos!
² https://www.deutschlandfunk.de/gewalt-in-deutschland-jeden-tag-versucht-ein-mann-seine.2852.de.html?dram:article_id=433613 & https://www.hr-inforadio.de/programm/das-thema/gewalt-gegen-frauen—alle-drei-tage-wird-eine-frau-umgebracht,gewalt-gegen-frauen-flucht-ins-frauenhaus-100.html

