Linke Ohnmacht – diskus Nr. 118 “Trotzdem”

Die Krisenjahre 2008 ff. sorgten neben weiteren Entwicklungen für das abermalige Anwachsen eines latenten Ohnmachtsgefühls des bürgerlichen Subjekts im Kapitalismus – die Verhältnisse erscheinen immer übermächtiger. Dieses Ohnmachtsgefühl, dessen verschiedenartige Erscheinungsformen wir sowohl im Subjekt selbst, als auch im kollektiven Akteur des bürgerlichen Staates sehen, wird jedoch nicht in seiner Tiefe anerkannt, um schließlich seine Ursachen ergründen zu können, sondern mit Hilfe vermeintlicher Krisenlösungsstrategien rationalisiert.
Einerseits lässt sich in diesem Kontext eine Zuwendung des Subjekts zu reaktionären Weltanschauungen ausmachen, worunter wir zuvorderst extrem rechte Ideologien und religiös-fundamentalistische Denkstrukturen subsumieren. Erstere werden in Deutschland heute mehrheitlichunter dem unscharfen Sammelbegriff „Neue Rechte“ zusammengefasst; letztere äußern ihre radikalste Konsequenz zumeist in islamistischem Terrorismus. Andererseits können zunehmend autoritäreAntworten des Staates in Zusammenhang mit den Krisen des Kapitalismus festgestellt werden, worin eine Form der falschen Handhabung auf kollektiver Ebene erkennbar ist. Fundamentale gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich, wenn nicht versucht wird am Status quo festzuhalten, somit überwiegend reaktionär, was das latente Gefühl der Ohnmacht – in weiten Teilen der Allgemeinheit – verschärft. Hier sollte jedoch weder von apokalyptischer Repression, noch von unentwegter Neoliberalisierung gesprochen werden. Vielmehr muss eine Analyse der beständigen Transformationen des Kapitalismus mit einem sich ebenso in Veränderung begriffenen Staat zusammen gedacht werden, was in diesem Rahmen allerdings nur angerissen und in seiner Komplexität deshalb nicht ausgebreitet werden kann. Wir bemerken dabei eine vielerorts stattfindende Neoliberalisierung, die jedoch – entgegen der gängigen Narrativen eines freien Marktes unter liberalen Vorzeichen – mit neuen Polizeikonzepten, Aufrüstung der Exekutive, sowie strengeren Gesetzen und einem dadurch stärker agierenden Staatsapparat einhergeht, weshalb wir hierbei grundsätzliche Unterschiede zur Politik vorhergehender Jahre konstatieren. Eine Deregulierung der Märkte in vielen, sicherlich nicht allen Bereichen, fällt mit staatlicher Intervention und Repression im Rahmen reaktionärer Denkmuster zusammen. Hier bedarf es einer detaillierten Auseinandersetzung, um den Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung und seinen widersprüchlichen Facetten verstehen zu können, ihm seinen übermächtigen Schein zu rauben und dadurch seinen zukünftigen Fortgang bestenfalls antizipieren zu können.
Dies halten wir für zielführender, als scheinaktivistisch einen vermeintlichen Kampf gegen etwas zu führen, was nicht durchschaut und verstanden wird, um über die eigene Ohnmacht hinwegzutäuschen, sich den Verhältnissen resignativ hinzugeben oder schlimmstenfalls die Verwerfungen des kapitalistischen Staates in imaginierte Feindgruppen zu projizieren und selbst Teil der Reaktion zu werden.
Das fortwährend (re-)produzierte Ohnmachtsgefühl birgt demnach Gefahren und Potentiale zugleich: Gefahren, insofern es nicht reflektiert und auf seine Ursachen im Bestehenden zurückgeführt, sondern stattdessen mit Hilfe reaktionärer Ideologien rationalisiert wird; Potentiale dann, wenn es produktiv zur Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten genutzt wird, um ebendiese grundlegend zu ändern.
Aufgrund eigener reaktionärer Tendenzen und Momente innerhalb der so bezeichneten politischen Linken – dieser Tage dürfte die neue Sammlungsbewegung „Aufstehen“ das treffenste Beispiel für regressiven Antikapitalismus von sich als „links“ verstehenden Akteur*innen sein; doch darauf beschränkt sich eine falsche Analyse des Bestehenden leider nicht – entstehen Hürden, die oben genannten Entwicklungen zu durchblicken und ihnen damit entgegenwirken zu können. Es fehlt insgesamt an Möglichkeiten, die eigene Ohnmacht zunächst anzuerkennen, um anschließend ihre Ursachen zu analysieren und diese produktiv anzugehen. Resignation, Scheinaktivität und im schlimmsten Falle reaktionäre Ideologien im Umgang mit der eigenen Ohnmacht stehen der progressiven Aufhebung grundlegend im Wege. Der alleinige Wille zur Veränderung genügt folglich nicht; ohne entsprechende Analyse kann er sich stattdessen ins Gegenteil verkehren.
Für einen adäquaten und im eigentlichen Sinne „linken“ Umgang mit der eigenen Ohnmacht möchten wir uns abschließend für eine ehrliche und selbstreflexive Diskussion innerhalb des politischen Alltags stark machen. Auf diese Weise kann ihr Potential produktiv genutzt und damit den Gefahren, die sie gleichzeitig birgt, entgegengewirkt werden. Dafür bedarf es zuallererst einer fundierten Ursachenanalyse des Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung, die eine materielle Untersuchung des Staates notwendigerweise mit einschließt. So kann es dem Subjekt gelingen, zu einer fruchtbaren Bewältigung der täglichen Zumutungen zu gelangen, um einerseits eigenen regressiven Tendenzen vorzubeugen und andererseits Ansätze für die progressive Veränderung auszumachen.
Für den Kommunismus!
Antifaschistisches Kollektiv 069
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Rechter Terror in Deutschland – alles, nur (k)ein Einzelfall

keinschlussstrich

Die Frankfurter Anwältin Seda Başay-Yıldız erhielt seit August 2018 vier anonyme Faxschreiben. Diese enthielten rassistischen Anfeindungen, die Drohung „ihre zweijährige Tochter abzuschlachten“ und sensibele Daten wie ihren Wohnort, den Name der Tochter und sowie weiterer Angehöriger. Bereits nach dem ersten Schreiben gab sie den Hinweis an die Polizei, es könne sich um eine rassistisch motivierte Tat von Nazis handeln. Dies wurde abgewehrt. Spätere Ermittlungen des Landeskriminalamtes führten zur Aufdeckung eines extrem rechten Terror-Netzwerkes innerhalb der hessischen Polizei. Gegen sechs BeamtInnen, unter anderem vom 1. Revier an der Konstablerwache in Frankfurt, laufen deswegen derzeit Verfahren. Mittlerweile gibt es ein Dutzent Verdachtsfälle innerhalb des Polizeiapparats gegen rechte PolizistInnen – im Wochentakt werden neue Vorfälle bekannt. Erneut wurden frühzeitige und korrekte Einschätzungen von Betroffenen rechter Gewalt ignoriert. Der hessische Innenminister Beuth bagatellisierte die Vorfälle innerhalb der Exekutive und bezeichnete sie als Einzefälle. Es kommt zu keinen flächendeckenden Ermittlungen. Das Umfeld der Betroffenen wird unter Verdacht gestellt. Kein neues Phänomen: die Täter-Opfer-Umkehr entpuppt sich als historischer Reflex deutscher Ermittlungsbehörden. Regelmäßig kommt es zu Kriminalisierungen von Betroffenen rechten Terrors.

Beispielhaft hiefür sind auch die Ermittlungen gegen Familien von NSU-Opfern mit dem Vorwurf der organisierten Kriminalität. Vorallem wenn sich Ermittlungen gegen die Polizei richten (sollten), kommt es selten zu Aufklärung oder gar Verurteilungen. Die Polizei umgibt in diesem Land viel zu oft einen Nimbus der Unfehlbarkeit. Wie im Fall des geflüchteten Matiullah J. in Fulda. Der 19-Jährige wurde mit 11 Schüssen durch einen Polizisten umgebracht. Der Beamte und seine Einheit erhielten hierfür jüngst einen Freispruch. Die mediale Berichterstattung ließ mehr als zu wünschen übrig und konzentrierte sich auf den Vorwurf gegen den jungen Mann. Auch hier wird auf die vermeintliche Schuld des Opfers rekurriert. Der Korpsgeist und institutionalisierter Rassismus begünstigten den Freispruch. Mangelnde Ermittlungsverfahren innerhalb der Polizei sind fahrlässig und führen dazu, dass rassistische Gewalttaten nicht nur vertuscht sondern auch tradiert werden.

 

Wirft man einen Blick auf die deutsche Geschichte ist dies nicht verwunderlich. NationalsozialistInnen wurden nach 1945 wichtige Funktionäre im Staatsapparat, ohne je für ihre grauenhaften Machenschaften während der Shoa belangt zu werden. Nazis saßen durchweg in Parlamenten, Justiz, (Polizei-)behörden und Verfassungsschutz. Entgegen der behaupteten Durchführung einer „Entnazifizierung“ wurde nahezu jegliche Aufklärungsarbeit verdeckt. Das Hauptziel war und ist autoritär und antikommunistisch zu arbeiten. Verbindungen zwischen Geheimdiensten und Neonaziorganisationen sind offenkundig.

 

Nicht nur ein Blick ins Geschichtsbuch zeigt, dass Staat und Nazis seit jeher Hand in Hand arbeiten. Auch jegliche NPD-Verbotsversuche scheiterten aufgrund einer von V-Männern durchsetzten und aufgebauten Partei. Versuche, aus den Fehlern der Vergangenheit explizit im Fall NSU zu lernen und den Polizeiapparat strukturell zu verändern, scheiterten. Sie führten ausschließlich zu deutlich mehr Befugnissen für die Polizei und Geheimdienste. Daher fordern wir die Auflösung des Verfassungsschutzes und die konsequente Bekämpfung extrem rechter Terrorzellen!

 

Der Prozess und das Urteil gegen den selbsternannten NSU zeigten auf, dass es keine wahrhaft demokratische Aufklärung und Aufarbeitung rechten Terrors in Deutschland gibt. Beispielhaft hierfür steht das Narrativ der Trio-These. Dieses steht kontrafaktisch zu jeglicher antifaschistischer, journalistischer und wissenschaftlicher Recherche. Hierzu zählt nicht nur die Unfähigkeit rechte Strukturen zu benennen, sondern diese auch zu verharmlosen in dem beispielsweise Frauen ihre Kriminalität und Radikalität wie im Fall Zschäpes abgesprochen wird (Stichwort Nazibraut). Anstatt rechten Terror als aus der Mehrheitsgesellschaft entsprungen zu sehen, wird Faschismus zum sensationellen Einzefall deklariert über den man fasziniert beim Feierabendbier tratschen kann.

 

Nazis waren und sind kein konjunkturelles Problem. #KeinSchlussstrich bedeutet sich stetig mit der (deutschen) Geschichte auseinanderzusetzen. Die antifaschistische Organisierung bleibt unabdingbar. Gerade deswegen ist ein Bewusstwerden über verinnerlichten Rassismus, Antisemitismus und Sexismus, wovon wir alle nicht frei sind, notwendig. Auch in antifaschistischen Recherchestrukturen zu Zeiten des NSU wurden Fehler gemacht und Rechtsterrorismus nicht als dieser erkannt. Deswegen: seid aufmerksam, greift auf bereits vorhandene Recherchen zurück und betreibt Aufklärung über Nazistrukturen. Rechte Terrorzellen entstehen nicht über Nacht. Es gilt Nazis einzuschüchtern und sie wissen zu lassen, dass sie ihre faschistische Ideologie nicht ungestört ausüben können.

 

Deshalb kommt alle am 23. März mit uns auf die Straße! Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt! Kein Schlussstrich!

Wir möchten außerdem auf die Gedenkveranstaltung für den vom NSU ermordeten Halit Yozgat in Kassel am 6. April aufmerksam machen.

//back to the future – Zur Aktualität eines materialistischen Feminismus//

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Ein elementarer Teil der autoritären Revolte, die sich verstärkt in den letzten Jahren bemerkbar macht, steht unserer Auffassung nach in engem Zusammenhang mit einer immensen Krise der hegemonialen Männlichkeit, die sich oft in antifeministischen Ressentiments artikuliert. Die Auswirkungen dieser heraufbeschworenen Krise sind nicht selten tödlich, blickt man beispielsweise auf die entmenschlichende Kriegermännlichkeit der Kämpfer des IS oder auf die wahnhafte Ideologie der frauenhassenden Incels-Bewegung, deren gewaltsamste Äußerungsform die Amokläufe von Elliot Rodger und Scott Paul Beierle darstellten. Beide Beispiele sind jedoch nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs, sie liegen nicht außerhalb des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses, sondern finden darin lediglich ihren extremsten Ausdruck. Das Verhältnis der Geschlechter entsteht nicht im luftleeren Raum, es ist vermittelt mit der politischen und ökonomischen Beschaffenheit der Gesellschaft, innerhalb derer es besteht: Etwa die geschlechtsabhängige Zu- und Verteilung von Care-Arbeit, die Zugänglichkeit gesellschaftlicher Räume oder der lange anwährende Kampf um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, wie bei der Debatte um die leidigen Paragraphen 218 und 219.
Gleichzeitig scheint nicht jede politische Position, die vorgibt sich für Frauenrechte einzusetzen, automatisch gleichbedeutend mit emanzipatorischen Absichten zu sein. Besonders deutlich wurde dies bei einigen Organisatorinnen des Women’s March, der sich im Kontext der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident zusammenfand, Tamika Mallory und Linda Sarsour. Mallory, die an einer Konferenz teilnahm, auf welcher der glühende Antisemit Louis Farrakhan kundtat, dass die „mächtigen Juden“ seine Feinde seien, verweigerte, auf diesen angesprochen, eine Distanzierung, da sie mit einem breiten politischen Spektrum zusammenarbeiten müsse. Sarsour fiel unter anderem wegen ihrer offenen Parteinahme für die antisemitische BDS-Bewegung negativ auf. Mit diesen Verfehlungen stehen die beiden jedoch nicht alleine, blickt man beispielsweise auf den Ausschluss von drei Teilnehmerinnen des queeren Dyke-March in Chicago, die es gewagt hatten, eine Pride-Flagge mit Davidsstern zur Demonstration zu bringen oder die altbekannten Solidaritätsbekundungen Judith Butlers mit den antisemitischen Terrororganisationen Hisbollah und Hamas. Vorgeblich feministische Kämpfe zeigen in diesen Fällen regressives Potential und antiemanzipatorische Tendenzen. Es kommt zu “merkwürdigen Allianzen” (Stögner).
Doch auch von rechter Seite wird ein vermeintlicher Kampf für Frauenrechte inszeniert. Für die rechten AkteurInnen ist dieser Kampf nur Mittel, nie Zweck. Frauenrechte werden instrumentalisiert, um rassistische Inhalte gesellschaftlich vermittelbarer zu machen. Dies zeigt sich unter anderem in der lächerlichen 120 Dezibel Kampagne der „Identitären Bewegung“ oder dem „Frauenmarsch“ der AfD in Berlin. Ein emanzipatorisches Moment gibt es innerhalb dieser Ideologie nicht, Misogynie und Sexismus treten aus strategischen Gründen für eine kurze Episode in den Hintergrund, um die rassistische und antisemitische Weltsicht ein bisschen argumentierbarer zu machen.
Die Antwort auf das autoritäre Rollback der letzten Jahre kann folglich nur eine feministische sein, die sowohl den kapitalistischen Verwertungszusammenhang als auch das Geschlechterverhältnis in den Blick nimmt. Einen Entwurf einer solchen feministischen Gesellschaftstheorie möchten wir in unserer Veranstaltungsreihe darstellen und einen fragmentarischen Überblick über verschiedene Arbeitsfelder der feministischen Auseinandersetzung bieten.
Die Vortragsreihe ist in Kooperation mit FfeM. entstanden.
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Nächste Termine im Cafee Koz (immer um 18 Uhr)
11.04.2019 Koschka Linkerhand„Die gelebten Realitäten von Frauen und Mädchen“ – Eine materialistische Kritik des Patriarchats
09.05.2019 Betarice MüllerWert-Abjektion. Zur Abwertung von Care-Arbeit im patriarchalen Kapitalismus
24.05.2019 Andrea TrumannVon der Dekonstruktion der Identität hin zu ihrer Verfestigung. Zur Kritik Judith Butlers und ihrer queerfeministischen Adept*innen
06.06.2019 fantifa FrankfurtEmanzipation und Religion – Queerfeminismus und „Islamischer Feminismus“?
12.06.2019 Sebastian Winter Antigenderismus, Antisemitismus und Muslim*innenfeindlichkeit – Sozialpsychologische Überlegungen zum ideologischen Syndrom der extremen Rechten

Über Portland, Pittsburgh & “Proud Boys”

Nach dem größten antisemitischen Anschlag in der Geschichte der USA am 27.10.2018 mit elf Todesopfern wird deutlich, dass der Terrorist Robert Bowers unter anderem auch ein Fan von Gavin McInnes war. Das dies durchaus kohärent ist, lässt sich schnell erahnen. Der Mitbegründer des Vice-Magazins und notorische extrem rechte Maskulinist und Antifeminist, gründete 2016 die „Proud Boys“. Diese faschistiode Schlägertruppe ist seit dem auf allen bedeutenden Veranstaltungen der so bezeichneten Alt-Right Bewegung anzutreffen und stellt ein Sammelbecken für gebildete, vorwiegend weiße Männer der mittleren Oberschicht dar. Die „Proud Boys“ beziehen sich ähnlich der „Identitären Bewegung” in Europa nicht offen positiv auf rassistische Ressentiments und die Bewegung der „White Supremacy“, stattdessen verpacken sie ihre Hetze gerne in Bezügen zu „westlichen Werten“ und dem „Abendländischen Kulturkreis“, sowie einem Einstehen gegen die vermeintlich vorherrschende „political correctness“. Auch die Selbstbezeichnung als „Neue Rechte“ haben sie mit ihrem europäischen Vorbild gemeinsam.
Sie pflegen jedoch, auch befördert durch ihren Gründer McInnes, ein konsequent gewaltverherrlichendes politisches Programm in Wort und Tat. So ruft McInnes immer wieder ganz offen zu mehr, auch tödlicher, Gewalt gegen Andersdenkende und Linke und als generelles Mittel der politischen Auseinandersetzung auf (Siehe Video unten). Die offen zur Schau getragene Lust der „Proud Boys“ und ihres Führers an brutaler Gewalt und der offen kommunizierte Plan, politische Auseinandersetzungen vor allem im gewaltsamen Straßenkampf und mittels Vergeltungsschlägen und auch Morden zu führen, die Dehumanisierung der klar identifizierten Feindbilder und ihre ultranationalistische Grundhaltung sowie ihr ausgeprägter Antifeminismus und Hass auf Frauen und LGBTQ, sind klare Indizien dafür, dass es sich bei ihnen um eine weitere im Kern faschistische Gruppierung handelt. Konsequenterweise führt das Southern Poverty Law Center sie als „Hategroup“.
Dass sie dabei in ihrem Selbstverständnis eine relative Minderheit der urbanen,“erfolgreichen“, jungen und hippen Männer anzieht, welche sich vom „linken Mainstream“ bedroht sehen und ihre Anhängerschaft vor allem in urbanen Zentren rekrutiert, ist so gesehen ein Novum und unterscheidet sie in vielerlei Hinsicht von Trumps Kernwählerschaft.
Gerade hier scheint es jedoch beachtliche Potenziale zu geben, wie sich letzte Woche bei einem Auftritt McInnes in Manhattan (wo er an einem Reenactetment eines politischen Mordes von einem japanischen Nationalisten an einem sozialistischen Politiker in den Räumen der Republikanischen Partei beteilligte) zeigte. Nach dem Ende der Veranstaltung schlugen etwa 20 „Proud Boys“ drei Antifaschisten brutal zusammen und traten teils in Anwesenheit der Polizei minutenlang auf die am Boden Liegenden ein. Dabei hatten sich den „Proud Boys“ auch bekannte neonazistische Skinheads angeschlossen. Auch in Portland kam es zu Jagdszenen bei denen die Gruppe mit Waffen gegen ihre Gegner vorging.
Dass es von Aufrufen zu Mord und Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung und der vermehrten hemmungslosen Gewalt gegen vermeintliche Feinde auf der Straße in der faschistischen Ideologie nicht mehr weit zu gezielten politischen Morden ist, wissen wir nicht erst seit McInnes und seinen stolzen Jungs. Es gilt um so mehr, den rechten Umtrieben auch vor der eigenen Haustür entschlossen entgegen zu treten und ihnen jeden Raum streitig zu machen.

When they kick at our front door… Öffentliche Verabredung gegen Repression

Nicht erst seit den Protesten gegen den G20 Gipfel setzt der Repressionsapparat Hausdurchsuchungen in unseren Wohnungen und Zentren als politisches Mittel gegen linke Strukturen und Aktivist*innen ein. Dennoch vermehrt sich die Zahl der Razzien nach Großevents, so auch nach dem G20-Gipfel in Hamburg.

 
Im Angesicht dieser Entwicklungen haben wir uns als Teile der radikalen Linken aus dem Raum Frankfurt/Offenbach auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Wir halten es für wichtig, verbindliche Verabredungen bereits im Voraus zu treffen, um im entsprechenden Fall möglichst schnell und gemeinsam reagieren zu können. So wollen wir uns, sollte es zu einer oder mehreren politisch motivierten Hausdurchsuchung(en) in unseren Städten kommen, noch am selben Abend um 19 Uhr im Klapperfeld treffen. Um das Entstehen von Gerüchten und Spekulationen zu verhindern, geht es uns hier vor allem um den Austausch von Informationen. Auch wollen wir hier über das ob und wie einer politischen Antwort beraten werden. Diese Treffen sind offen für alle Genoss_innen und leben von der zahlreichen Beteiligung!

 
Zusätzlich wollen wir versuchen schon während der Razzia, sollte uns die Adresse bekannt sein, vor Ort zu sein und unsere Unterstützung zu zeigen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es möglich ist, Druck auszuüben, die repressiven Maßnahmen zu verkürzen und die Arbeit der Behörden zu erschweren. Wenn ihr von Hausdurchsuchungen betroffen seid, sagt Unterstützer_innen Bescheid, die eine Uhrzeit und einen Anlaufpunkt raushauen können. Bitte handelt bei Veröffentlichungen verantwortungsvoll: keine Namen, keine Strukturen, keine Hausnummern.

 

Wir laden daher alle Gruppen und Einzelpersonen, die sich in gleicher Weise betroffen fühlen, ein, sich dieser Verabredung anzuschließen und abends um 19 Uhr ins Klapperfeld zu kommen.

 
Gemeinsam gegen Repression – Solidarität ist eine Waffe!

BASH CAMP 2018

Liebe Genossinnen und Genossen,

schonmal zum Vormerken: Auch in diesem Jahr organisiert das Bündnis antifaschistischer Strukturen Hessen (B.A.S.H.) wieder ein Sommercamp!
Vom 9.-13. August wollen wir uns in Mittelhessen gemeinsam bilden, diskutieren, streiten und eine schöne Zeit haben. Unser inhaltlicher Schwerpunkt wird dieses Mal auf reaktionären Bewegungen unterschiedlicher Couleur liegen, die das Bestehende nicht zum Besseren verändern, sondern dieses im Gegenteil hinter jetzige Verhältnisse zurückführen wollen.
Zudem wollen wir uns auch mit antifaschistischer Organisierung, Gruppenprozessen, und vielen weiteren spannenden Themen auseinandersetzen. Dabei werden auch Veranstaltungen wie Kapitalismuskritik, Feminismus sowie Sport und Kino nicht zu kurz kommen.
Wie jedes Jahr sind auch Kinder auf dem Camp willkommen, für eine Tagesbetreuung kann bei Bedarf gesorgt werden.

Weitere Infos zu Programm und Anmeldung werden wir in den kommenden Monaten auf unserer Homepage unter antifabash.noblogs.org aktualisieren. Stay tuned!

Wir sehen uns im August!
B.A.S.H.

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Spektrum des Wahns – Zur rechtsesoterischen Tagung »Spektrum der Spiritualität« in Rodgau

Vom 10.-13. Mai findet im Konferenzhotel Rodgau zum wiederholten Male der selbsternannte »bodenständige 4-Tageskongress ohne »abgehobene Esoterik«« (1) mit dem Titel »Spektrum der Spiritualität« statt. Schwerpunktthemen der Tagung sind »Die Weltsituation – alternative Ansichten zum Mainstream« und »alternative geistige Heilungen«. Schon ein Blick auf die Homepage der Zeitung »Die Andere Realität«, auf der der Kongress angekündigt wird, erschlägt einen mit Informationen zu den Referent*innen und dem umfangreichen Programm. Wir sind der Auffassung, dass den Teilnehmer*innen für schlappe 320 Euro nicht nur »packende Podiumsdiskussionen, exklusive Vorträge […], Livemusik und ein netter Oldie-Tanzabend« (was an sich schon schlimm genug wäre), sondern auch eine ganze Portion Antisemitismus, rechte (vielleicht auch abgehobene?) Esoterik und Verschwörungsglaube, bis hin zur Umdeutung und Leugnung der Shoah, geboten wird. Über ersteres wird auf der Homepage der Zeitschrift ausführlich informiert, über letzteres wollen wir in aller Kürze im Folgenden schreiben.

Da wäre zum einen der prominente Rechtsesoteriker Trutz Hardo (bürgerlich: Tom Hockemeyer), der seinen Lebensunterhalt als Reinkarnationstherapeut, Autor (u. a. ehemals bei der Bild-Zeitung (2)) und antisemitischer Esoteriker bestreitet und sich unter anderem mit Nahtod-Erfahrungen und »Sterbeforschung« beschäftigt. In seinem Vortag auf der Tagung wird er sich mit seinem »Spezialgebiet«, der »alternativen geistigen Heilung« und der Reinkarnationstherapie auseinandersetzen. In seinem Buch »Jedem das Seine« (der Titel ist der Losung am Eingang des KZ-Buchenwald entlehnt), das in Deutschland verboten wurde, stellt Hockemeyer die These auf, dass Jüdinnen und Juden von den Nazis für ihre angeblichen Sünden, die sie in einem früheren Leben begangen hätten, bestraft worden seien. Weiterhin geht Hockemeyer davon aus, dass »[d]ie meisten, die vergast wurden, […] durch diesen Gewalttod noch nicht ausgeglichenes Karma abtragen [mussten]« (3). Hierfür wurde er 1998 vom Amtsgericht Neuwied wegen Volksverhetzung und Beleidigung des Andenkens Verstorbener verurteilt. Zu seiner eigenen Entlastung führt er an, dass nicht er, sondern sein »höheres Selbst« bzw. »ein anderer Autor« das Buch verfasst habe. Na dann…

Ein weiterer bekannter Referent ist der Journalist und ehemalige Fernsehmoderator der RTL Reihe »Unglaubliche Geschichten« Rainer Holbe. Seine Anstellung bei RTL verlor er fristlos, da seiner Ansicht nach die »Menscheitsentwicklung von den Juden durch Kreuzigung Jesu« (4) gestoppt worden sei. Auf dem Kongress soll Holbe als Moderator auftreten.

Jan van Helsing (bürgerlich: Jan Udo Holey) ist Autor und Buchverleger beim Verschwörungs- und Esoterikverlag Amadeus und bezeichnet sich als Heilpraktiker. Er wuchs bereits in einem »esoterisch geprägten« Familienumfeld auf: seine Mutter soll Seherin, sein Vater Autor esoterischer Bücher gewesen sein. Beim Blick auf Holeys Leben sind einige auffällig Wendungen zu beobachten. Verbrannte er noch in jugendlichem Alter auf dem Crailsheimer Rathausplatz Deutschlandflaggen und sympathisierte mit der Roten Armee Fraktion, erkannte Holey jedoch schnell, dass es sich bei der dritten Generation der RAF lediglich um einen »Killerdienst« im Auftrag der bei Verschwörungstheoretiker*innen beliebten Bilderbergerkonferenz handele. (5) Heute bietet er das gesamte Repertoire zeitgenössischer Verschwörungstheorien an: jüdische Weltverschwörung, Geheimbünde (hauptsächlich Illuminaten), Hitler der in Argentinien weiterleben soll und auch die allseits beliebten Ufos. Mit solchen Themen und seinen Theorien dazu, scheint er eine Menge Bücher zu verkaufen. Neben den klassischen Erkenntnissen, mit denen Verschwörungstheoretiker*innen versuchen sich die (zugegebenermaßen sehr komplexe) Welt zu erklären, sind einige Behauptungen Holeys doch überraschend originell. Beispielsweise sei Helmut Kohl ursprünglich jüdisch und heiße eigentlich Henoch Kohn. Außerdem vertritt Holey die Auffassung, dass die Krankheit HIV von den angeblich »jüdischen Illuminaten« künstlich erzeugt worden sei. (6) Falls jemand den Autor schon immer mal persönlich kennenlernen wollte: während des Kongresses signiert er seine Bestseller und steht für nette Gespräche bereit. Was auch immer das heißen mag.

Neben diesen drei genannten Referenten gibt es auf dem Kongress ein reichhaltiges Angebot an spirituellem Schmuck, Naturkosmetik, Büchern, Gesichtsdiagnostik, alternativen Heilmethoden, Aura-Lesungen, Tierkommunikation, Handlesungen, Medialität, Aura, Rückführungen, Beratungen, etc. Auch wenn es sich hierbei um ein Thema handelt, das gerne mit einem oder mehreren Augenzwinkern diskutiert wird, sollte sich stets vor Augen geführt werden, dass man es hier mit durchaus ernstzunehmende Antisemit*innen, Holocaustleugner*innen und rechten Spinner*innen zu tun hat. Diese verbreiten Welterklärungsmuster, die eine große Anschlussfähigkeit an Debatten der sogenannten bürgerlichen Mitte haben. Ein kurzer Blick auf die Klickzahlen von antisemitischen Verschwörungstheoretiker*innen wie dem Rapper Kollegah (bürgerlich: Felix Antoine Blume) zeigt, dass genau diese Themen immer schon Teil der Popkultur waren. In der äußerst ungenügenden aktuellen Debatte anlässlich der ECHO-Preisverleihung 2018, wird weitestgehend verkannt, dass Antisemitismus ein integrales Element der bürgerlichen Gesellschaft darstellt und sich in allen Klassen, sozialen Gruppen und Milieus findet. Auch die drei genannten Autoren verfügen über eine Reichweite, die von einer Gesellschaft und besonders einer Linken, die es mit dem Kampf gegen Antisemitismus ernst meint, nicht unterschätzt werden darf!

Gegen jeden Antisemitismus! Rechte Spinner*innen entlarven!

(1) https://www.d-a-r.de/spektrum-der-spiritualitaet/

(2) http://www.bildblog.de/1421/bild-beschaeftigt-volksverhetzer/

(3) https://twitter.com/jonas_fedders/status/859380843302801410

(4) https://www.zeit.de/1990/17/harry-rowohlt-poohs-corner

(5) Mader, Hubert Michael: Studien und Berichte. Politische Esoterik – eine Rechtsextreme Herausforderung, Wien 1999, S. 60-68.

(6) Wippermann, Wolfgang: Agenten des Bösen. Verschöwrungstheorien von Luther bis heute, Berlin 2007, S. 147-148 und S. 190.

Frankfurter Vertriebenen-Funktionärin als Rednerin bei Neonazi-Sommerfest angekündigt

Bei dem diesjährigen Sommerfest der neonazistischen „Gedächtnisstätte e.V.“ in Guthmannshausen (Thüringen) im August wird Gerlinde Groß, Vorsitzende der „Landsmannschaft Ost- und Westpreußen“ in Frankfurt a.M., als Rednerin angekündigt.

Das völkische Sommerfest in Guthmannshausen

Der neonazistische Verein „Gedächtnisstätte e.V.“ wurde 1992 unter maßgeblicher Beteiligung von Mitgliedern der wegen Holocaustleugnung 2008 verbotenen Organisation „Collegium Humanum“¹ um das Ehepaar Werner Georg Haverbeck und Ursula Haverbeck-Wetzel gegründet. Erst 2011 verkaufte das Land Thüringen wider besseren Wissens das Grundstück, ein ehemaliges Rittergut, an
das Vereinsmitglied Bettina Maria Wild-Binsteiner aus dem hessischen Sinntal für 320.000€. Seitdem ist dort eine geschichtsrevisionistische Gedenkstätte errichtet worden, den der Verein in seinen eigenen Worten als „lichten Ort des würdigen Gedenkens an die 12 Millionen zivilen deutschen Opfer im und nach dem 2. Weltkrieg“ bezeichnet. Neben der offensichtlichen geschichtsrevisionistischen und völkischen Propagandafunktion der sogenannten Gedächtnisstätte wird das Gelände von diversen neonazistischen Organisationen als Veranstaltungs- und Tagungszentrum genutzt, in den letzten Jahren unter anderem von der „Europäischen Aktion“ (EA)² um Rigolf Hennig, der Zeitschrift „Umwelt&Aktiv“ der völkischen Siedlerbewegung oder dem „Freundeskreis Udo Voigt“ um den NPD- Europabgeordneten Udo Voigt. Der Verein selbst richtet dort monatliche Vortragsveranstaltungen aus.³

Am 4. und 5. August veranstaltet der Verein um ihren Vorsitzenden Wolfram Schiedewitz sein viertes Sommerfest. Als ReferentInnen werden Christa Braun, Paul Latussek (Vizepräsident des „Bund der Vertriebenen“ von 1992-2001, derzeit Vorsitzender der Landesgruppe Thüringen der Landsmannschaft Schlesien und Vorstandsmitglied der „Gedächntisstätte e.V.“; seit 2006 rechtskräftig verurteilt wegen Volksverhetzung aufgrund einer holocaustrelativierenden Pressemitteilung), Pierre Krebs (Gründer des „Thule-Seminar“ in Kassel⁴ ), sowie die Vertriebenen-Funktionärin Gerlinde Groß angekündigt.

Ulrich Pätzold und Wolfram Schiedewitz_2017

Wolfram Schiedewitz (rechts) während einem Interview mit Ulrich Pätzold (links) vom neonazistischen Internetsender „Nordland.tv“ im Mai 2016

Sommerfest Gedächtnisstätte eV 2018

Ankündigung des Sommerfestes 2018 im aktuellen Programmheft der „Gedächtnisstätte e.V.“

Die Vertriebenen-Funktionärin Gerlinde Groß

Gerlinde Groß ist eine langjährige Vertriebenen-Funktionärin des „Bund der Vertriebenen“ (BdV) und deren „Landsmannschaft Ostpreußen“ (LO) in Hessen. Vertriebenenverbände sind seit jeher bekannt für ihre revanchistischen Forderungen, ihren Geschichtsrevisionismus und gelten als Brutsätten rechtskonservativer bis neonazistischer Politik.⁵ Politisch umworben werden diese Verbände schon seit Konrad Adenauer vor allem von der CDU, aber auch jeder anderen bürgerlichen Partei.⁶

Gerlinde Groß hat seit Anfang der 1990er Jahre führende Funktionen in Ortsgruppen des BdV, der LO, der „Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland“ und im „Förderverein für Vertriebenenfragen“ inne. Im Jahr 1999 unterzeichnete die zu dieser Zeit in Eppstein wohnhafte Groß einen deutschtümmelnden Aufruf des „Arbeitskreis Unsere Sprache“ (ARKUS)⁷ für einen vermeintlich notwendigen Erhalt der deutschen Sprache. Bei einem Monatstreffen der LO in Frankfurt a.M. im März 2001 mahnte sie als damals zweite Vorsitzende des Kreisverbandes in ihrer Rede, dass „die Mitglieder der Gruppe nicht nur zur Unterhaltung zusammenkämen, sondern auch die politische Aufgabe hätten, die Belange aller deutschen Heimatvertriebenen zu vertreten und die Verwirklichung des Heimatrechts als allgemeines Menschenrecht einzufordern“. Dies ist ein häufig bei Vertriebenen zu findender Verweis auf die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ von 1950, in dem es unter anderem heißt: „Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.“ Als Vorsitzende des BdV-Ortsverbandes Usingen und ehrenamtliche „Aussiedlerbetreuerin“ war sie im Juni 2002 maßgeblich an der Verlegung eines Gedenksteins mit der Inschrift „Zur Erinnerung und Mahnung an Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten 1945-1946“ im Ort beteiligt.⁸ Im Oktober des gleichen Jahres führte sie die BdV-Trachtengruppe beim Jubliäumsumzug zum 1200-jährigen Bestehens von Usingen an. Bereits ein Jahr später, im November 2003, wurde ihr der Ehrenbrief des Landes Hessen – samt einer Laudatio des damaligen Bürgermeisters Matthias Drexelius (heute Kreistagsabgeordneter im Hochtaunuskreis und Ortsvorsitzender der CDU in Usingen) – verliehen. Drexelius sagte über Gerlinde Groß in seiner Laudatio, dass „der Frieden und das geeinte Europa“ ihr Ziel sei. Die „Preußische Allgemeine Zeitung“ (PAZ), das offizielle Presseorgan der LO, gibt weiter die Rede von Groß folgendermaßen wieder: „In ihren Dankesworten griff sie diesen Aspekt [die Rede von Drexelius, Anm. d. Verf.] auf und erinnerte daran, daß der verlorene Zweite Weltkrieg noch immer nachwirke, aber seine Wunden nach und nach heilten. Alle müßten sich im größeren europäischen Haus, welches zum Osten und der Heimat hin erweitert wird, einrichten, dabei aber die ‚historische Wahrheit, nicht nur die politische Wahrheit hören‘. Nur auf Grundlage der Anerkennung der Vertreibung kann ein geeintes Europa friedliche Wirklichkeit werden.“ So lässt sich der Ehrenbrief des Landes Hessen als Anerkennung für Groß Einsatz bei der Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen durch ihre Darstellung von Deutschen als vermeintliche Opfer des von ihnen selbst begonnen Vernichtungskrieges verstehen. In den darauf folgenden Jahren stieg sie weiter zur Vorsitzenden der „Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen (Kreisverband Frankfurt a.M.) e.V.“ auf, welche sich regelmäßig im „Haus der Heimat“⁹ in Frankfurt-Eckenheim trifft, und verzog augenscheinlich nach Wehrheim.

Screenshot Landsmannschaft Ost- und Westpreußen FFM

Anschrift der „Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen (Kreisverband Frankfurt a.M.) e.V“ im März 2018

Als Fünktionärin hält Groß auch Vorträge zum Themengebiet Flucht und Vertreibung von Deutschen aus dem ehemaligen Ostpreußen, in denen laut Rezension der PAZ aus dem Jahr 2001 „Fakten“ geliefert werden „die man bei den Fernsehsendungen leider vermiss[t]“. Somit überrascht es wenig, dass als Thema ihres Vortrags beim „Sommerfest“ in Guthmannshausen ihre eigene „Flucht aus Ostpreußen über das Haff bis zum Kreis Stolp und weiter unter den Russen bis 1947“ angekündigt wird. Als Vertriebenen-Fünktionärin gehört die Selbstinszenierung als vermeintliches Opfer im Dienste des deutschen Nationalismus zu ihrem politischen Kerngeschäft.

Abschließend muss festgehalten werden, dass die deutschen Opfermythen sowie der Geschichtsrevisionismus von Gerlinde Groß keine randständige Meinung darstellen, sondern seit Gründung der Bundesrepublik ihren festen Platz innerhalb der Gesellschaft und des Staatswesens haben. Die einzige vernünftige Forderung kann daher nur in der Auflösung der Vertriebenenverbände und der Überwindung der sie fördernden gesellschaftspolitischen Ordnung liegen.


1. https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/53/kein-ende-sicht

https://www.antifainfoblatt.de/artikel/collegium-humanum-verboten

2. Die EA gab im Juni 2017 die Aufgabe ihrer Aktivitäten in „operativer Form“ bekannt, vermutlich in Reaktion auf ein mögliches Verbotsverfahren nach Hausdurchsuchungen in Zusammenhang mit von Mitgliedern durchgeführten
Wehrsportübungen. Siehe hierzu:

http://www.belltower.news/artikel/ermittlungen-wegen-bildung-einer-kriminellen-vereinigung-was-ist-die-europäische-aktion

https://www.antifainfoblatt.de/artikel/das-ende-der-%E2%80%9Eeurop%C3%A4ischen-aktion%E2%80%9C

3. Weiterführende Informationen zum Verein „Gedächtnisstätte e.V.“:

http://www.belltower.news/lexikontext/gedaechtnisstaette-ev

https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2014/05/24/braune-hauser-in-thuringen/

https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2014/08/01/geschichtsrevisionischtes-denkmal-in-guthmannshausen/

https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2016/07/22/erneutes-neonazi-fest-in-guthmannshausen/

4. Siehe unter anderem: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/neonazis-im-gewand-der-neuen-rechten (der Verein wurde allerdings bereits 1980 gegründet).

5. So organisierte zum Beispiel die ehemalige Jugendorganisation der LO, die „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“ die jährlichen geschichtsrevisionistischen Neonazi-Demonstrationen in Dresden zur Bombardierung der Stadt während dem Zweiten Weltkrieg – zeitweise einer der größten Neonaziaufmärsche in Europa.

6. Sogenannte „Volksdeutsche“ aus den Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reichs werden als sogenannte „Vertriebene“, bzw. „Heimatvertriebene“ gemäß des nach wie vor gesellschaftlich stark verankerten völkischen Nationalismus der BRD staatlich anerkannt und gefördert. Die Rechtsgrundlage heirfür ist das „Bundesvertriebenengesetz“. In Bayern und Hessen haben die sogenannten Vertriebenen gar eigene Gedenktage. Auch staatlich geförderte Feste wie der „Hessentag“ entstanden als Maßnahmen zur Integration sogenannter Vertriebener.

7. ARKUS war teil von „Unser Land e.V.“ um den extrem rechten Multifunktionär und Autor Alfred Mechtersheimer, welcher unter anderem für das offizielle Organ der LO, dem „Ostpreußenblatt“ (seit 2003 „Preußische Allgemeine Zeitung“), schrieb. Die UnterzeichnerInnen dieses Aufrufs verpflichteten sich selbst zu einem 10-Punkte Programm:

„Die Bewahrung der deutschen Sprache ist eine wichtige europäische kulturelle Aufgabe. Deshalb werde ich mich bemühen, die folgenden zehn Punkte zu beachten:
1. Ich verwende nach Möglichkeit in Wort und Schrift deutsche Bezeichnungen.
2. Ich verzichte auf Amerikanismen und nichtssagende Redewendungen.
3. Ich meide Rundfunkprogramme mit überwiegend englischsprachigen Liedern.
4. Ich sehe vornehmlich Filme deutscher und europäischer Herkunft.
5. Ich bevorzuge auf deutsch beworbene Waren und Dienstleistungen.
6. Ich fordere bei der Einbürgerung die Beherrschung der deutschen Sprache.
7. Ich trete für das Erlernen von Fremdsprachen ein.
8. Ich will anderen Völkern bei der Bewahrung ihrer Sprache helfen.
9. Ich fordere Deutsch als gleichberechtigte Sprache in der EU und in der Wissenschaft.
10. Ich beteilige mich an gemeinsamen Aktionen für die Erhaltung der deutschen Sprache.“

8. Bei der Verlegung des Gedenksteins machte der damalige Landesbeauftragte der Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Friedrich (CDU), die nationalistische Bedeutung solcher Gedenk- steine deutlich: „Dieser Gedenkstein gehört künftig zur nationalen Identität der Deutschen. Heimat stiftet Identität, Erinnerung stiftet Identität, und diese Identität ist ein Teil des kulturellen Gedächtnisses der Nation.“ Anwesend bei und beteiligt am Prozess der Verlegung des Gedenksteins waren auch die Lokalpolitiker Uwe Kraft (CDU) und der verstorbene Heinrich Nitschke (SPD).

9. Hier treffen sich regelmäßig die verschiedenen Vertriebenenorganisationen aus dem Raum Frankfurt. Im Juni 2008 fand im „Haus der Heimat“ eine Veranstaltung des faschistischen „Institut für Staatspolitik“ (IfS), beziehungsweise des damit verbundenen „Antaios Verlag“, mit deren zentralen Vertretern Götz Kubitschek und Karlheinz Weißmann statt: https://antinazi.wordpress.com/2008/06/28/institut-fur-staatspolitik-tagung-unter-polizeischutz-dank-cdu-und-bdv/.

Zum Hintergrund des 2000 in Bad Vilbel gegründeten IfS und deren Mitbegründer und Vereinsvorsitzende, der hessische AfD-Politiker Andreas Lichert, siehe: https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/68/drahtzieher-im-neurechten-netz.