Redebeitrag zum Gedenken an die Novemberpogrome – über jüdisches Leben in Frankfurt-Rödelheim

Der 9. November 1938, an dem überall in Deutschland, auch hier in Frankfurt, Synagogen angezündet, Wohnungen und Geschäfte von Jüdinnen und Juden geplündert und zerstört und 800 jüdische Menschen ermordet wurden, ist morgen auf den Tag genau 82 Jahre her. Die Nacht stellt die Zuspitzung der diskriminierenden und ausschließenden Politik sowie Propaganda des nationalsozialistischen Staates gegenüber Jüdinnen und Juden hin zu ihrer aktiven Vertreibung und Vernichtung dar. Angeführt wurden die Taten von SS und SA, nichtjüdische Deutsche standen vielerots schaulustig daneben oder beteiligten sich aktiv an den antisemitischen Gewalttaten. Das Feuer brennender Synagogen wurde nicht gelöscht, nur die umliegenden Häuser vor übergreifenden Bränden geschützt. 


Hier in Frankfurt wurden im gesamten Stadtgebiet Synagogen zerstört. Das größte jüdische Gotteshaus stand an der Friedberger Anlage und bot 1200 Menschen Platz. Nachdem es abgebrannt war, mussten Jüdinnen und Juden die übrigen Steine abtragen. Diese wurden nach dem Ende des Krieges für eine Erneuerung der Hauptfriedhofsmauer verwendet. Am Platz, an dem die Synangoge Stand wurden zudem französische Zwangsarbeiter durch Nationalsozialisten am Bau eines Luftschutzbunkers beauftragt. Der Historiker Wolfgang Wippermann spricht davon, dass das Novemberpogrom in Frankfurt »eine besonders radikale und brutale Färbung« hatte. Aus Frankfurt wurden während der Shoa mehr als 10.600 Jüdinnen und Juden deportiert. Von diesen erlebten weniger als 600 die Befreiung am 08. Mai 1945. 10.000 jüdische Menschen wurden ermordet. Circa 700 begingen Suizid. 

In Rödelheimlebten Anfang 1933 ungefähr 100 Jüdinnen und Juden. Die Jüdische Gemeinde hier war nicht Teil der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, sondern blieb auch nachdem der Stadtteil 1910 eingemeindet wurde, unabhängig. In der ehemaligen Inselgasse, wo wir gerade stehen, wurde 1730 die erste Synagoge errichtet, die 1837/38 durch einen Neubau ersetzt wurde. Es gab eine Mikwe, einen jüdischen Friedhof und für einige Zeit auch eine jüdische Elementarschule. Innerhalb der Gemeinde herrschte auch ein reges Vereinswesen: So wurde zum Beispiel 1904 der Israelitische Literaturverein und 1910 die Israelitische Frauenvereinigung gegründet. Wie in den restlichen Stadtteilen Frankfurts auch, zeigte sich das nazinalsozialistische Paradigma der Verteibung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden sowie das Prinzip der sogenannten »Arisierung« auch im Stadtbild von Rödelheim. Es gab einige Ladengeschäfte, die von jüdischen Menschen betrieben wurden, zum Beispiel die Lebensmittelhandlung »Zum Knusperhäuschen« in Alt-Rödelheim Hausnummer 20, die von Berta und Rebekka Marx geführt wurde. Oder das Textil- und Zigarrengeschäft von Arthur Stern in der Hausnummer 12. Alle Läden waren 1938 bereits zwangsweise aufgegeben oder »arisiert« worden. Während der Pogromnacht am 9. November wurde die Synagoge geschändet und viele Geschäfte jüdischer Inhaber:innen zerstört und verwüstet. Die Räumlichkeiten des Gebetshaus wurden zwangsweise verkauft und im Nachgang, auch noch nach 1945, als Lagerraum für eine KfZ-Werkstatt genutzt.  Einige Jüdinnen und Juden konnten vor dem immer stärker umsichgreifenden Antisemitismus in Deutschland noch rechtzeitig ins Ausland fliehen. Die verbleibenden jüdischen Einwohner:innen Rödelheims wurden in Ghettos und Vernichtungslager deportiert. Mindestens 44 von ihnen wurden ermordet. 


Zweifellos gilt es in Zeiten, in denen Antisemitismus grassiert, sich innerhalb von staatlichen Behörden Nazi-Netzwerke bilden und Jüdinnen und Juden in Halle Ziel eines Neonazi-Anschlags sind, an das, was hier vor nicht allzu langer Zeit passiert ist zu erinnern! Auch erinnern wir heute – 82 Jahre nach den Novemberpogromen – daran, dass die Taten von damals nie ernsthaft juristisch aufgearbeitet wurden und dass die deutsche Erzählung der Entnazifizierung und der sogenannten »Stunde Null« nicht der Wahrheit entspricht. Es gilt Antisemitismus, egal in welcher Form, mit absoluter Konsequenz entgegentreten, antifaschistische Positionen zu vertreten, mit Jüdinnen und Juden solidarisch zu sein und sich mit bestehendem jüdischen Leben in Deutschland auseinanderzusetzen.Im gleichen Zuge möchten wir an die jüdische Geschichte erinnern, an die einzelnen Schicksale der Menschen, die hier vor einigen Jahrzehnten lebten und leben.

Diese Geschichte sollte von den Nazis ausgelöscht werden. Sorgen wir dafür, dass sie nicht vergessen wird! 

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