Reclaim feminism – Aufruf zum Frauenkampftag am 8. März

Jedes Jahr, wenn der internationale Frauenkampftag am 8. März näher rückt, kann man sich im Zuge dessen Gedanken darüber machen, was im vergangenen Jahr aus feministischer Perspektive gut bzw. schlecht lief. Neben gruseligen Ereignissen wie der sogenannten „Demo für Alle“ in Wiesbaden und Kelsterbach, dem Prozess in Gießen gegen die Gynäkologin Kristina Hänel, die auf ihrer Website über Abtreibungen informierte oder die 120 Dezibel Kampagne der „Identitären Bewegung“, gab es in Frankfurt und Umgebung viele positiv hervorzuhebende Tage und Aktionen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Angriffe auf AbtreibungsgegnerInnen, das Fight the Norm Bündnis und die Proteste gegen die “Demo für Alle”. Der 8. März ist ein Tag, an dem wir unsere Forderungen auf die Straße tragen, um unseren Kampf für ein Ende des Patriarchats und der herrschenden Verhältnisse sichtbar zu machen.

Diesen Verhältnissen, in denen das hierarchische Geschlechterverhältnis uns als ein integraler Bestandteil erscheint und zum Beispiel Reproduktionsarbeit (die in den meisten Fällen von Frauen verrichtet wird) immer noch ein nicht sichtbarer Teil der kapitalistischen Produktion ist, haftet ein ideologischer Schleier an. Diese Verschleierung äußert sich unserer Ansicht nach in zwei Narrativen, dem autoritären und dem liberalen, die wir an dieser Stelle kurz erläutern wollen.

Zunächst zum autoritären Narrativ. Dieses lässt sich besonders innerhalb der politischen Rechten, aber auch allgemein in religiösen und traditionalistischen Milieus beobachten. Ein vermeintlicher Kampf um die Rechte von Frauen wird instrumentalisiert. Erzielte emanzipatorische Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft sollen rückgängig gemacht werden. Insgesamt gilt es klar zu machen, dass eine feministische Kritik an den bestehenden Umständen nicht rassistisch, antisemitisch und verschwörungsideologisch sein kann, da sie sich ansonsten selbst negiert. Stattdessen zeigen aktuelle Debatten, dass eine partikulare Kritik an einzelnen Phänomenen innerhalb der kapitalistischen Moderne nicht fruchtbar ist, da sie nicht zu einer Überwindung des Bestehenden führt, sondern lediglich in diesem verhaften bleibt und sogar intendiert, hinter dieses zurückzufallen. In letzter Konsequenz ist dieses autoritäre Narrativ zwangsläufig antifeministisch und sexistisch.

Vermeintlich entgegengesetzt – und doch vermittelt – zu diesem autoritären Narrativ eines rassistisch instrumentalisierten „Feminismus“, steht das liberale Narrativ einer bereits verwirklichten Gleichheit der Geschlechter. Allseits ist zu hören, dass es mittlerweile um die Gleichtstellung von Mann und Frau ganz gut bestellt sei. Entgegen der gängigen Vorstellung einer erreichten Egalität, die spätestens seit der Erkämpfung des Wahlrechts für Frauen vor 100 Jahren und einer Frau an der Spitze der bundesdeutschen Regierung erreicht zu sein scheint, gilt es stets zu betonen, dass diese unter den derzeitigen Verhältnissen nicht zu erreichen sein wird.

Natürlich liegt es uns fern, beide Narrative gleichzusetzen. Wie oben erwähnt, erscheinen uns beide Erzählungen als affirmativ. Es gibt jedoch innerhalb des liberalen Narratives, im Gegensatz zum autoritären, eine Chance, sexuelle Gewalt und Belästigung öffentlich zu machen, anzuprangern und zu skandalisieren. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die #metoo Kampagne. Ohne uns in einer detaillierten Analyse und abschließenden Bewertung dieser Debatte zu verlaufen, gilt es unserer Auffassung nach dennoch stark zu machen, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit Herrschaftsstrukturen und Geschlechterverhältnissen ist, um daraus eine feministische Perspektive zu entwickeln.

Abschließend kann die Notwendigkeit einer umfassenden Kritik der Verhältnisse – in denen sowohl das autoritäre, als auch das liberale Narrativ verharrt – für die Entwicklung eines radikalen Feminismus festgehalten werden, der nicht zuletzt die Überwindung eben dieser Verhältnisse intendiert. Unsere Vorstellung des Besseren lässt sich angemessen mit den Worten Theodor W. Adornos zusammenfassen:

Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen […] den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“ [1]

Trotz der schwierigen Ausgangslage, bleibt es wichtig, den Kampf gegen reaktionäre Kräfte zu führen. Es darf jedoch nicht genügen, das Bestehende lediglich zu verteidigen. Stattdessen sollte die Vorstellung eines besseren Zustandens auch als Anlass genommen werden, nicht nur am 8. März, sondern stets für die Emanzipation einzustehen. Deshalb laden wir euch ein, gemeinsam mit uns am internationalen Frauenkampftag um 16 Uhr am Studierendenhaus, den Kampf für den antiautoritären Feminismus und eine befreite Gesellschaft in einer kämpferischen Demonstration auf die Straße zu tragen!

[1] Theodor W. Adorno: Minima Moralia, GS, Bd. 4, S. 114.

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