Getroffene Hunde bellen – Sexismus in der linksradikalen Szene

Auch die linksradikale Szene ist trotz ihrer kritischen Auseinandersetzung mit Herrschaftsverhältnissen nicht frei von ihnen. Dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit immer noch ein wunder Punkt bei vielen Menschen zu sein scheint, spiegelt nichts besser wieder, als die Kommentarspalte auf „linksunten“ zu dem Artikel “Sexismus in der linksradikalen Szene“.1

Der im November 2016 erschienene Text “Sexismus in der linksradikalen Szene“ von der fantifa*frankfurt deckt sexistisches und reaktionäres Verhalten – vor allem auf Partys – in sich emanzipatorisch bezeichnenden Räumen auf; ein Problem das auch wir seit längerer Zeit beobachten. Die Kommentare zu dem Text machen mehr als deutlich, wie wichtig eine Reflexion patriarchaler Strukturen innerhalb der Gesellschaft und damit auch innerhalb linker Kontexte ist.

Ein Vorwürfe, der noch versucht nicht offen sexistisch zu sein: Die Autor*innen würden zu hohe Erwartungen stellen, indem sie vorauszusetzten scheinen, dass sich Menschen bereits mit Themen wie Sexismus auseinandergesetzt hätten. Den Autor*innen wird der Vorwurf eines typisch studentischen Habitus gemacht – “Legt mal eure Uni-Bücher für eine Stunde beiseite“. Dabei geht es nicht darum, dass von jedem*jeder erwartet wird, dass er*sie einen politisch korrekten Sprachbegriff hat. Sondern das Menschen, die sich bereits bewusst mit den Begrifflichkeiten auseinandergesetzt haben und sich eventuell auch darüber profilieren, klassisches Abwehrverhalten zeigen. Ihnen ist zu unterstellen, dass sie ein prinzipielles Verständnis für das Problem Sexismus haben, aber nicht bereit zu sein scheinen, eigene sexistische Verhaltensweisen zu reflektieren und in diesem Zuge Menschen diskriminieren.

Zudem wird den Autor*innen und Menschen, die auf sexistisches Verhalten aufmerksam machen, vorgeworfen, verkrampft und „hysterisch“ zu sein. Sie entziehen sich einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Fehlverhalten, unter dem Vorwurf eine Frau sei hysterisch, der zu den ältesten bürgerlichen Phantasmen gehört.

Die Scheu davor, das eigene Verhalten zu reflektieren, spiegelt sich auch darin wieder, dass Sprachpolitik als eine Nichtigkeit abgetan und belächelt wird: Zitat „Hört auf Worte zu bekämpfen. Bekämpft lieber die Ursachen. Wenn ihr dazu überhaupt in der Lage seid.“ Der Kampf gegen den alltäglichen Sexismus, bei dem Sprache und Verhalten eine große Rolle spielen, scheint für die Trolle keine Relevanz zu haben. Viel lieber scheinen sie auf den großen Tag-X der Revolution zu warten, an dem sie ihre Männlichkeit im Kampf beweisen können. Von dem sie ausgehen, dass nur ein männliches Prinzip zum Siege führen wird.

Auch wenn grundlegende Veränderungen der Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens bitter nötig ist, so leben wir nun mal in dieser Gesellschaft. Und auf absehbare Zeit scheint sich das nicht zu ändern. Hier wird jeder Idealismus irgendwann vom Realitätsprinzip eingeholt.2 Sprache ist ein Herrschaftsinstrument, in ihr drücken sich die Widersprüche unserer Gesellschaft aus und verfestigen. Stereotype werden reproduziert und Betroffene diskriminiert, ob intendiert oder nicht. Eine Emanzipation, ohne die Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache und Position in der Gesellschaft ist daher nicht möglich. Die universelle Emanzipation vom Kapital, als das wesentliche Prinzip der gesellschaftlichen (Re-)Produktion, ist nicht ohne die Reflexion seiner wesentlichen Herrschaftsmechanismen möglich: Class, Race, Gender. Der Kapitalismus hat diese Kategorien nicht hervorgebracht, hat sich ihrer Mechanismen jedoch geschickt bedient und diese Kapitalverhältnis eingespannt. Historisch war es vor allem die Kategorie der Rasse, welche zur ideologischen Konstruktion des Anderen genutzt wurde. Bis hin zum Faschismus und Nationalsozialismus hat dieser Zusammenhang Millionen das Leben gekostet. Wer Antifaschismus ernst nimmt, sollte versuchen diese Ursachen zu bekämpfen. Die Selbstreflexion ist der erste Schritt dazu.

Nicht einmal im Geringsten lassen sie sich auf den Text ein: „Bis ich erstmal rational all eure Gesetze gecheckt habe, bevor ich in einer emotionalen Situation fluche, um dann verdruckst ‚du, duuuu, duuuuu gammlige Avocado, du´ zu sagen, nur um dann zu merken, dass ich damit ja jemanden entmenschlicht habe, was ja bekanntlich der erste Schritt zum Faschismus ist…bevor ich das tue, kann ich es mir ja auch gleich ganz sparen.“ Diese Verweigerung der Selbstkritik wurde von der f*antifa bereits treffend dargestellt. Genau hierin bestätigt sich die konservative Einstellung vieler Linker und ihre mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit. Betrifft die Kritik eigenes Verhalten verschanzt man sich hinter Abwehrmechanismen. Sich auf „wahre Probleme“ oder „linke Tradition“ zu berufen, ist schließlich bequem. Ohne etwas zu verändern, werden diskriminierende Begriffe und Geschlechterrollen weiter transportiert.

Die mangelnde Selbstreflexion wird von einem*einer Kommentator*in treffend dargestellt – „Ist Kritik so schwer für dich (und viele andere)? (..) Ist Selbstkritik so unzugänglich? Ist das offene Hinterfragen von Dingen, die kritische Analyse der eigenen Standpunkte, ein Reflektieren und Akzeptieren der eigenen Privilegien so unerträglich?“

Wir alle sind in Diskurse verstrickt, die unsere Machtbeziehungen widerspiegeln, auch uns ist es nicht möglich, sich in jeder Situation korrekt zu verhalten. Einer Auseinandersetzung damit wollen wir uns aber nicht versperren. Wir stellen daher die Frage in den Raum, warum die kritische Auseinandersetzung bei der reinen Kritik unserer Verhältnisse stehen bleibt und teilweise nicht auf unsere eigene Position überspringt?

Klar ist auch, dass nicht jede Person sofort alle Inhalte schon verinnerlicht haben muss. Menschen haben unterschiedliche Hintergründe, bevor sie in der „linken Szene“ aktiv werden. Ausschließendes Verhalten ist ein Problem, dass mit dazu führt, dass ausgesprochen wenig Menschen mit nicht akademischem Hintergrund sich in der Szene bewegen. Noch weniger aus prekarisierten Verhältnissen. „Sprachhürden“ sind hierbei aber nur ein Problem von vielen. Markenfetisch, starke Hierarchien und arrogante Verschlossenheit eines verschworenen Zirkels sind unserer Meinung nach bedeutsamer.

1https://linksunten.indymedia.org/de/node/196216 Uns ist klar, dass sich auf Indymedia nicht nur Linke rumtreiben. Die Reaktionen, die wir auch jenseits des Internets mitbekommen haben, scheinen aber zu bestätigen, dass hier auch linke Hunde getroffen wurden und gebellt haben.

2 Klar: durch Reformismus werden unsere Verdinglichten Beziehungen zwar mit nichten aufgelößt, aber ein klein wenig erträglicher. Hierbei ist es natürlich wichtig die grundsätzliche Falschheit weiter mitzudenken und zu bekämpfen. „Die große sozialistische Bedeutung des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes besteht darin, dass sie die Erkenntnis, das Bewusstsein des Proletariats sozialisieren, es als Klasse organisieren.“ Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution. 1. Teil. 5. Praktische Konsequenzen und allgemeiner Charakter des Revosionismus.

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